Project N.O.M.A.D.
der Offline-Wissensserver für den Blackout-Fall
Was Project N.O.M.A.D. ist, was es bringt, was es kostet. Und wann sich ein eigener Offline-Wissensserver für die Krisenvorsorge wirklich lohnt.
Stell dir Blackout-Tag 2 vor: Mobilfunk ist seit gestern Nachmittag tot. Der Akku des letzten Smartphones zeigt 9 %. Du wolltest noch schnell nachschlagen, wie lange ein angefangenes Glas Honig nach Stromausfall genießbar ist. Wie man die Brandwunde am Arm deines Kindes versorgt, ohne Apotheke. Wie der Heimweg deines Partners aussieht, wenn die Auto-Navigation nicht funktioniert.
Wissen, das im Normalbetrieb immer einen Tap entfernt war, ist plötzlich unzugänglich.
Project N.O.M.A.D. (Node for Offline Media, Archives, and Data) adressiert genau dieses Problem. Es ist ein selbstgehosteter Docker-Stack der US-Firma Crosstalk Solutions, der die wichtigsten digitalen Wissensquellen offline auf einem einzelnen Mini-PC oder Server bündelt: Wikipedia, Khan Academy, Karten, medizinische Refs, lokaler AI-Chat. Browser-basiertes Interface, ein Installations-Befehl, Open Source.
Dieser Artikel ordnet ein, was N.O.M.A.D. liefert, für wen es sich lohnt, und was es im DACH-Blackout-Fall tatsächlich an Strom kostet, dauerhaft zu betreiben. Falls du danach das Setup angehen willst, verlinken wir auf die offizielle Anleitung und zeigen, an welchen Stellen unsere Rechner helfen.
Was N.O.M.A.D. mitbringt
N.O.M.A.D. ist kein einzelnes Tool, sondern ein Bundle aus etablierten Open-Source-Projekten, orchestriert über ein eigenes “Command Center”-UI. Die sieben Kern-Module:
| Modul | Powered by | Was es offline kann |
|---|---|---|
| Wissensbibliothek | Kiwix | Wikipedia komplett in beliebiger Sprache, medizinische Refs, Survival-Guides, eBooks |
| AI-Chat | Ollama + Qdrant | Lokales Sprachmodell mit Dokumenten-Upload und semantischer Suche (RAG) |
| Bildung | Kolibri | Khan-Academy-Kurse mit Fortschritts-Tracking, Mehrbenutzer-Modus |
| Karten | ProtoMaps | Regional herunterladbare Karten mit Suche und Navigation |
| Daten-Tools | CyberChef | Verschlüsselung, Encoding, Hashing, Analyse |
| Notizen | FlatNotes | Lokale Markdown-Notizen |
| System | Eingebaut | Setup-Wizard, Benchmark, Content-Manager |
Alles läuft in Docker-Containern. Der Zugriff erfolgt über den Browser auf http://localhost:8080 oder über das lokale Netz von anderen Geräten. Ein Server kann also für die ganze Familie reichen.
Projekt-Homepage: projectnomad.us.
Quelle und Code: github.com/Crosstalk-Solutions/project-nomad.
Für wen sich N.O.M.A.D. lohnt, und für wen nicht
Drei realistische Profile aus DACH-Sicht:
Tech-affine Prepper mit eigenem Mini-PC. Du hast einen Beelink-, MINISFORUM- oder vergleichbaren x86-Mini-PC im Schrank, dazu eine Powerstation. Linux ist kein Fremdwort, ein docker compose up schreckt dich nicht. Du willst eine zentrale, autarke Wissensbasis fürs Heimnetz, auch im Normalbetrieb als Familien-Wikipedia. Für dich ist N.O.M.A.D. das ideale Heim-Server-Projekt mit Krisenvorsorge-Nebeneffekt.
Familie ohne Linux-Erfahrung. Wenn du noch nie ein Terminal gesehen hast, ist N.O.M.A.D. ein Wochenend-Projekt mit steiler Lernkurve. Es ist machbar (das Setup ist gut dokumentiert), aber du wirst dich zwischendurch durch Ubuntu-Installation, IP-Konfiguration und Docker-Logs arbeiten. Realistisch: Plane einen Samstag ein, kalkuliere ein, dass etwas hakt.
Wer nur Wikipedia offline will. Wenn dein Bedürfnis “Wikipedia ohne Netz” ist, brauchst du nicht den ganzen Stack. Eine eigenständige Kiwix-Reader-App auf dem Smartphone (iOS/Android, kostenlos) und ein 50-GB-ZIM-File mit der deutschen Wikipedia reichen. Funktioniert auf jedem Handy mit ausreichend Speicher, ohne Server, ohne Docker. N.O.M.A.D. lohnt sich erst, wenn du die anderen Module (AI-Chat, Khan Academy, Karten, RAG-Suche) wirklich nutzen willst.
Welche Hardware N.O.M.A.D. braucht, und welche nicht
N.O.M.A.D. läuft ausschließlich auf x86-64-Linux, empfohlen ist Ubuntu 26.04 LTS. Raspberry Pi und andere ARM-Geräte werden nicht unterstützt, der Maintainer hat die Anfrage im Mai 2026 ohne Zeitplan geschlossen. Das schließt auch iPad, Mac mit Apple Silicon und Windows-Tablets mit Snapdragon-Chip (etwa das aktuelle Surface Pro) als Server aus. Windows über WSL2 funktioniert, ist aber nur Community-supported, und AMD- oder Intel-Grafik beschleunigt die AI dort nicht. Tablets und Smartphones bleiben, was sie sind: Clients, die sich per WLAN mit dem Server verbinden.
Das Projekt selbst nennt drei Hardware-Stufen:
| Stufe | Hardware | Preis | AI-Leistung |
|---|---|---|---|
| Budget | Gebrauchter Business-Mini-PC (ThinkCentre Tiny, OptiPlex Micro), Core i5 ab 8. Gen, 16 GB RAM, 500 GB SSD | 150 bis 300 Euro | Nur kleine 1B- bis 3B-Modelle, einfache Fragen |
| Empfohlen | Ryzen 7/9 mit Radeon 780M oder 890M, 32 GB DDR5, 1 TB NVMe (Minisforum UM790/UM890 Pro, Beelink SER8) | 650 bis 1.000 Euro | 8B-Modell mit 12 bis 17 Token/s, brauchbar |
| Power | Desktop mit RTX 3060 12 GB oder besser | ab 1.000 Euro | 8B-Modell mit 40 bis 270 Token/s |
Für den reinen Wissensspeicher (Wikipedia, Karten, Kolibri) reicht die Budget-Stufe. Wer den AI-Chat ernsthaft nutzen will, braucht die empfohlene Stufe. Der Preisunterschied liegt vor allem am DDR5-Speicher, 32 GB kosten seit 2026 allein 350 bis 440 Euro.
Was kostet ein N.O.M.A.D.-Server im Blackout an Strom?
Hier wird es konkret und für DACH-Verhältnisse relevant. Ein Ryzen-Mini-PC der empfohlenen Stufe zieht im Leerlauf 12 bis 18 W, mit mehreren Nutzern rund 25 W und bei aktivem AI-Chat 55 bis 65 W. Ein Budget-Mini-PC liegt 3 bis 5 W darunter. Dazu kommen zwei Posten, die bei so kleinen Lasten überproportional ins Gewicht fallen: der WLAN-Router (10 bis 15 W) und der Wechselrichter der Powerstation (8 bis 15 W Eigenverbrauch plus etwa 12 % Verlust).
Beides lässt sich fast eliminieren. Ubuntu kann das WLAN des Mini-PC als Hotspot aufspannen, dann entfällt der Router. Und wer den PC über den 12-V-Ausgang (mit 19-V-KFZ-Adapter) oder, falls das Modell es unterstützt, per USB-C PD versorgt, lässt den Wechselrichter aus. Zusammen halbiert das den Verbrauch.
Drei realistische Betriebsmodi mit einem Mini-PC der empfohlenen Stufe:
| Modus | Last am Akku | Pro Tag | 72 h | Powerstation-Klasse |
|---|---|---|---|---|
| Sparmodus: Hotspot, DC-Betrieb, 8 h/Tag an | ~18 W | ~150 Wh | ~450 Wh | 1-kWh-Klasse, Jackery 1000 Plus v2 oder EcoFlow Delta 2 reichen eine Woche |
| Standard: Router, 230 V, 8 h/Tag an | ~44 W | ~350 Wh | ~1.050 Wh | 2-kWh-Klasse, Jackery Explorer 2000 v2 |
| Dauerbetrieb 24/7 mit Router, 230 V | ~44 W | ~1.050 Wh | ~3.200 Wh | Nur mit Solar oder Zusatzakku: Jackery 2000 Plus v2, erweiterbar bis 12 kWh |
Realistisch fürs DACH-Blackout-Szenario: Der Standard-Modus ist der Sweet-Spot. Der Server läuft, wenn jemand nachschlagen will, nicht nachts. Mit einem 200-W-Panel (Jackery bietet den Explorer 2000 v2 im Bundle mit SolarSaga 200 an) kommen selbst im Oktober 300 bis 500 Wh pro Tag nach, was den Standard-Modus weitgehend trägt. Was dein Standort und die Jahreszeit hergeben, zeigt der Solar-Ertragsrechner. AI-Module sind im Krisenfall nice-to-have, aber nicht der eigentliche Wert von N.O.M.A.D. Wikipedia, Karten und medizinische Refs sind es.
Im Normalbetrieb hängt der Mini-PC dauerhaft hinter der Powerstation im USV-Modus, die Powerstation am Netz. Beim Blackout läuft der Server unterbrechungsfrei weiter, der Akku ist immer voll. Alle genannten Modelle schalten in unter 30 ms um. In der App das Ladelimit auf 80 bis 85 % setzen, das schont die Zellen. Im BIOS des Mini-PC “Power on after AC loss” aktivieren, dann startet er nach einer Tiefentladung von selbst neu.
Wenn du parallel auch Kühlschrank, Licht und Kommunikation betreiben willst (was du wirst), rechne den N.O.M.A.D.-Server zum Gesamtbedarf dazu:
Wie lange deine Powerstation diese kombinierte Last trägt, kannst du im Blackout-Simulator durchspielen. Er rechnet Kapazität, Verbraucher und (optional) Solar-Nachladung gegen die gewünschte Autarkie-Dauer.
DACH-Anpassungen - was du selbst nachziehen musst
N.O.M.A.D. ist US-zentrisch ausgerollt. Out-of-the-box bekommst du englischsprachige Defaults. Was für DACH-Haushalte realistisch nachzuziehen ist:
- Deutsche Wikipedia (ZIM-File): Die Kiwix Library bietet die komplette deutsche Wikipedia als ZIM-Download an, aktuell rund 50 GB. Nach dem Setup lädst du das File im Wikipedia-Content-Selector der Command-Center-UI nach.
- Medizinische Referenz: Hier wird es dünner. Englische Standardwerke (Merck Manual, WikiMed) sind als ZIM verfügbar; eine echte deutschsprachige Profi-Referenz auf demselben Niveau gibt es nicht. Pragmatischer Workaround: Die Wikipedia-Artikel zu Erste Hilfe, Vergiftungen und Wundversorgung sind solide. Als ZIM mit dabei, sobald die deutsche Wikipedia geladen ist.
- Karten Mitteleuropa: ProtoMaps unterstützt regionale OpenStreetMap-Downloads. Du wählst die Region (Deutschland, Österreich, Schweiz) und lädst sie einmalig herunter.
- Sprache der UI: Die Command-Center-UI selbst ist Englisch. Das ist die größte verbleibende Hürde für komplett deutschsprachige Haushalte.
- Kein offizieller DACH-Support: Crosstalk Solutions sitzt in den USA, die Community läuft über deren Discord, auf Englisch.
Keine dieser Anpassungen ist blockierend, aber sie sind Arbeit nach der Erstinstallation.
Setup in drei Sätzen
Auf einem Ubuntu- oder Debian-System: Ein einziger curl | bash-Befehl installiert die komplette Management-Software via Docker. Im Browser dann http://localhost:8080 öffnen und durch den Setup-Wizard klicken. Inhalte (Wikipedia, Karten) lädst du nach Belieben über das Command Center nach.
Die vollständige Schritt-für-Schritt-Anleitung (inklusive Ubuntu-Erstinstallation und einer nur von der Community gepflegten WSL2-Variante für Windows) pflegt das Projekt selbst: projectnomad.us/install.
Ehrliche Limits
Drei Punkte, die du vor dem Einstieg wissen solltest:
- AI braucht die empfohlene Hardware-Stufe: Auf einem Ryzen mit integrierter Radeon-Grafik liefert der lokale Chat 12 bis 17 Token pro Sekunde, brauchbar, aber nicht flott. Auf Budget-Hardware laufen nur kleine Modelle. Für komfortable Antworten braucht es eine dedizierte GPU, die 30 bis 50 W extra zieht.
- Beta-Status: N.O.M.A.D. ist aktiv in Entwicklung, Versions-Updates kommen regelmäßig. Wer ein “set-it-and-forget-it”-System will, ist mit standalone Kiwix besser bedient.
- Kein kommerzieller Support: Open Source, US-Community, kein Service-Vertrag. Wenn nach einem Update etwas bricht, suchst du selbst im GitHub-Issue-Tracker.
Das sind keine Deal-Breaker für die Zielgruppe (technik-affine Prepper), aber sie disqualifizieren N.O.M.A.D. als “Out-of-the-Box-Krisenfest-Produkt für jeden Haushalt”.
Tiefer einsteigen - relevante Artikel
N.O.M.A.D. macht erst Sinn, wenn das Drumherum stimmt. Drei Artikel als Einstieg in die übergreifende Vorsorge:
- Blackout 72 Stunden vorbereiten - der 7-Säulen-Plan. Der übergeordnete Plan, in dem N.O.M.A.D. unter “Säule 5: Kommunikation” sitzt.
- Iberia-Blackout 2025: 7 Lessen für DACH-Haushalte. Die Lehren aus dem April-2025-Blackout in Spanien und Portugal zeigen, wie schnell digitale Wissensquellen wegbrechen und warum Offline-Setups konkret nützen.
- Powerstation für den Kühlschrank - wie lange hält sie wirklich?. Die Methodik aus diesem Artikel überträgt sich 1:1 auf “Powerstation für Mini-PC”.
Fazit
Project N.O.M.A.D. ist kein Massenprodukt. Es ist ein Open-Source-Projekt für die obere Mittelklasse der Prepper-Szene. Leute, die ohnehin Heim-Server betreiben oder betreiben wollen und denen Offline-Wissens-Autarkie als Krisenvorsorge-Säule logisch erscheint.
Wer dazugehört, bekommt für den Preis eines Wochenend-Setups und eines mittleren Mini-PCs eine Wissensbasis, die im Blackout-Fall den Unterschied zwischen “wir improvisieren” und “wir können nachschlagen” ausmacht. Wer nicht dazugehört, fährt mit einfacheren Lösungen (Kiwix-App + Papier-Backups + ein gut gepacktes USB-Stick-Archiv) für die meisten realistischen Szenarien genauso gut.
Bevor du Hardware kaufst: Rechne den Strombedarf für deinen Gesamthaushalt durch. N.O.M.A.D. ist nur einer von mehreren Verbrauchern, die im Blackout-Fall an deiner Powerstation hängen.
Und für den Kapazitäts-Vergleich gegen die Realität deiner Wohnung: